Im März dieses Jahres haben zwei Ministerien, das Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ) und das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW) die neue „Energie-Strategie Österreich“ veröffentlicht. Mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket gibt diese die energiepolitische Stoßrichtung Österreichs für die nächste Dekade bis 2020 vor.
Text von Michael N. Schurian
Die 20-20-20-Ziele
Die Impulse zur Entwicklung der Energiestrategie kamen nicht nur von Österreich allein, sondern auf von Seite der Europäische Union (EU): Gemäß dem Energie- und Klimapaket der EU, welches im Dezember 2008 verabschiedet wurde, ist Österreich verpflichtet, den Anteil an Erneuerbarer Energie am Gesamtenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 34% zu erhöhen.
Gemeinhin ist von den sogenannten „20-20-20-Zielen“ die Rede, einem ehrgeizigem Programm von Klima-und Energiezielen. Danach streben die EU-Mitgliedsstaaten bis zum Jahre 2020
- eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um mindestens 20% (im Vergleich zum Jahr 1990),
- einen 20%igen Anteil an Erneuerbarer Energie am EU-weiten Energieverbrauch, sowie
- 20% mehr Energieeffizienz.
Somit wird der Energiegewinnung aus Wind- und Wasserkraft, Biomasse, Erdwärme oder durch photovoltaische Umwandlung von Sonnenlicht in elektrische Energie in Zukunft ein höherer Stellenwert zukommen.
Eckpunkte der Strategie
Die Energiestrategie Österreich verfolgt drei Ziele:
- Steigerung der Energieeffizienz,
- Ausbau des Anteils Erneuerbarer Energie an der Energieversorgung, sowie
- die Sicherstellung der langfristigen Energieversorgung Österreichs.
Neben der effizienten Nutzung von Energie soll in Zukunft der Energieverbauch möglichst gering ausfallen und die Energieressourcen sorgsam genutzt werden.
Um weniger abhängig von versorgungspolitisch instabilen Regionen zu sein – Stichwort: Russisch-ukrainischer Gasstreit – sieht die Energie-Strategie eine Diversifizierung der Energie-Portfolios vor. Dazu soll ebenso eine dezentrale Infrastruktur für den Energietransport und die Versorgungssicherheit beitragen. Der Ausbau der Erneuerbaren Energie liegt nicht nur im nationalen Interesse Österreichs an Eigenversorgung und an Stärkung der Energieversorgungssicherheit, sondern ist auch aus internationaler Sicht eine umweltpolitische Notwendigkeit um Klimaschutzziele zu erreichen. Aller Voraussicht nach wird Österreich die Kyoto-Ziele nicht erreichen können. Neue verbindliche Zielvorgaben rücken mit den bescheidenen Erfolgen der Klimakonferenzen in Kopenhagen und Cancún in weitere Ferne.
Durch seine zentrale geographische Lage nimmt Österreich eine strategische Position in der der europäischen Energieversorgung ein. Diese lässt der Alpenrepublik auf europäischer Ebene eine verantwortungsvolle Rolle zu Teil kommen. So wird die geplante Erdgas-Pipeline „Nabucco“ in Österreich enden und Europa näher mit dem kaspischen Erdgasvorkommen verbinden.
Neben energiepolitischen Akzenten eröffnet die Energiestrategie auf österreichischer Ebene auch volkswirtschaftliche Chancen. So könnte, laut Schätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO, die Umsetzung der Energiestrategie bis zu 80.000 hoch-qualifizierte Arbeitsplätze sichern und neu schaffen, wobei vor allem der Bausektor profitieren könnte. Immerhin haben Gebäude einen 30%igen Anteil am Endenergieverbrauch – nur der Verkehr mit 35% verbraucht mehr Energie. Darüber hinaus erwartet man sich mit einer effizienten Energiestruktur eine stärkere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Österreichs.
Nicht nur der Wirtschaftsstandort Österreich soll gestärkt werden, auch Österreich als Wissenschafts- und Forschungsstandort. Das ehrgeizige Ziel heißt, Technologieführerschaft in zukünftig bedeutsamen Schlüsseltechnologien der Erneuerbaren Energien einzunehmen. Die burgenländische Gemeinde Güssing, Österreichs erste Energie-autarke Gemeinde, hat bereits europaweites Interesse auf sich gezogen.
Mit der Formulierung eines politischen Willens, den Energiebedarf vermehrt durch heimische (erneuerbare) Energieerzeugung und weniger durch Importe fossiler Energie zu befriedigen, könnten inländische Erzeuger auch für Investoren attraktive Wachstumsunternehmen sein. Allerdings wird auch in Zukunft kein Weg vorbei an fossiler Energie führen. Die Technologien der Erneuerbarer Energie werden vorrausichtlich nicht die Marktreife besitzen, um fossile Energie zu ersetzen, sodass auch im Jahr 2020 Erdöl, Kohle und Erdgas den größten Anteil am Endenergieverbrauch haben werden.
Österreich wird seine notwendigen Importe diversifizieren, wobei nur die Kernenergie als Option kategorisch ausgeschlossen wird. Dies hängt mit dem Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich zusammen. Der kategorische Verzicht auf Nutzung der Kernenergie ist innerhalb der EU keine Selbstverständlichkeit: Nach wie vor ist die Nuklearenergie für viele Staaten (wie zB Frankreich oder Deutschland) eine vertretbare Möglichkeit, Energie zu erzeugen und gleichzeitig die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren.
„My home is … my power plant“
Wie könnte die Realität der österreichischen Energieversorgung im Jahr 2020 aussehen? Frei nach Peter Drucker, ist „der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, sie zu gestalten“. Die Energiestrategie Österreich sieht einen Ausbau der Wasserkraft vor, die traditionell ein Hauptenergielieferant ist. Ebenso wird eine Verdoppelung der Nutzung von Windkraft angestrebt. Zukünftig könnten auch Photovoltaik-Elemente auf Neubauten integriert werden – die Hektar ungenutzter, bereits vorhandener Dachflächen in Österreich würden somit Sonnenenergie auffangen und einen Beitrag zur Energieversorgung eines Haushalts leisten. Die Erzeugung von erneuerbarer Energie wird somit eine zusätzliche Teilfunktion des Gebäudes, das den gewonnenen Energiebeitrag ins kollektive Netzwerk einspeist. Das individuell bewohnte Haus trägt somit zum kollektiven Interesse der Energieversorgung bei – Adam Smith lässt grüßen!
Natürlich verlangt eine solche Idee Planung und Steuerung (quasi einer „unsichtbaren Hand“, um bei Smith zu bleiben) – der Gedanke an eine neue öffentliche Aufgabe wird in der Energiestrategie laut: nämlich der „Energieraumplanung“. Darunter kann man staatliche Akte mit dem Ziel, den Staatsraum oder Teile davon nach energiepolitischen Zielvorstellungen zu gestalten, verstehen. So wird für den städtischen Bereich die Energieversorgung durch Fernwärme und Kraft-Wärme-Kopplung (das ist die zeitgleiche Erzeugung von Wärme und elektrischer Energie) in Zukunft forciert, während im ländlichen Bereich diese Funktion von Biomasse-Kraftwerken übernommen werden kann. Hierbei trägt eine vorausschauende Energieraumplanung bereits den demografischen Tendenzen der Verstädterung und Landflucht Rechnung, wonach der steigende Energiebedarf im städtischen Bereich bereits bei der Planung von Kraftwerken zu antizipieren ist.
Einer Strategie, die kühn mehrere – von energie- und umweltpolitischen, über wissenschaftspolitischen bis hin zu wirtschafts- und beschäftigungspolitischen – Agenden in Angriff nimmt (zumindest auf Papier), bleibt nur eines hinzuzufügen: ein Gestaltungswille, der sie bis 2020 energisch umsetzt.